Vorbemerkung: Ich bin ein Grenzgänger. Ich habe den Journalismus (aktiv recherchieren, schreiben, redigieren) verlassen, um den Journalismus zu verbessern. Bei dem Frauenportal fem.com arbeite ich als Produktmanager – um mehr Menschen, die man früher einmal Leser genannt hat, für die Erzeugnisse unserer Redaktion zu begeistern. Früher hat so etwas das (Verlags-)Marketing gemacht. Zumindest in der Welt, aus der ich komme – der Welt der Tageszeitungen.
Man sieht übrigens daran, dass ich immer noch meine Blogposts in Word 2007 schreibe, wie hoffnungslos altmodisch ich bin.

Was machen denn Journalisten eigentlich so den ganzen lieben langen Tag? Was wir aus der Welt der Filme kennen, hat leider viel mehr Glamour als das tatsächliche Handeln. Wer arbeitet schon so wie Bob Woodward und Carl Bernstein in “All the President’s Men”? Mysteriöse Treffen mit Quellen, tief in der Nacht, die auch noch Jahrzehnte lang unentdeckt blieben. Antwort: In Deutschland ist das vielleicht ein halbes Dutzend Redakteure, der bekannteste von ihnen ist Hans Leyendecker von der Süddeutschen Zeitung. Und der arbeitet unter dem Dach seines eigenen Hauses in Leichlingen, fernab von den hektischen und betriebsamen Newsrooms.
Also – wie läuft der Alltag?
Nehmen wir mal Tageszeitungsjournalisten bei mittelgroßen Regionalzeitungen, die den Mantelteil produzieren. (Das ist der Teil mit den Inhalten zur großen Politik, Wirtschaft, Kultur, Sport, Panorama.) Sie schauen sich stundenlang an, was sich in der Welt so tut. Meistens so richtig intensiv ab 11 Uhr morgens. Dann wird mittags diskutiert, was davon wohl wichtig sein könnte. Dann geht man schön gemeinsam zum Mittagessen. Dann wird noch weiter diskutiert, was davon der Aufmacher des nächsten Tages sein könnte. Vielleicht um 16 Uhr wird endlich festgelegt, was man daran kommentieren könnte und wer das machen könnte. Irgendein Redakteur, der sich Producer oder Layouter nennt, stellt die Förmchen bereit, in die dann die Texte eingepflegt werden. Manchmal macht das auch das ganze Team, dann kriegt jeder die Förmchen, die dann mit dem Saft, den die Agenturen produzieren, gefüllt werden. Jede Idee hat genau Platz für 80 Zeilen im Kommentar. Selbst wenn es keine Idee ist oder die Idee nur falsch abgeschrieben von einem Leitmedium. Um Wolf Schneider zu zitieren: An 200 Tagen im Jahr gibt es einfach keinen richtigen Aufmacher, und doch muss die Zeitung mit irgendwas an diesem Tag aufmachen.

Bei großen Tageszeitungen kriegen dann Chefredakteure noch einmal die Anwandlung, mit den Heute-Nachrichten oder der Tagesschau alles über den Haufen zu werfen und neue Texte zu fordern. So wird für viele Redakteure 21 Uhr oder noch später zum eigentlichen Arbeitsende – das läuft auf eine 60-Stunden-Woche hinaus, ohne dass eine Zeitungsausgabe mehr produziert würde.
Es gibt Tage, da schreiben die Redakteure keine einzige Zeile selbst. Höchstens die Überschrift oder eine Bildzeile. Dafür hat man jahrelang um ein Volontariat gekämpft? Dafür hat man sich Wochenenden bei Kaninchenzüchtern und Baggerpräsentationen um die Ohren gehauen? Dafür hat man studiert? Dafür liest man Fachbücher, Sammlungen von Reportagen von der Großen von Kisch bis Carolin Emcke?
Ja, werden einige aufschreien: Aber die Nachrichtenauswahl kann doch auch nicht jeder. Der Mix, der ist wichtig. Aber warum sollen das Redakteure mit einem Tarifgehalt machen? Warum kann man das nicht intelligenten Routinen übergeben? Sprich: Computern und Algorithmen. Einfach mitzählen, wie oft eine Geschichte auf der hauseigenen Webseite angeklickt wurde –das kann ein Indiz für ihre Bedeutung sein. (Es soll ja immer noch Redaktionen geben, in denen Printleute und Onliner kaum miteinander reden können.) Davon könnte es ja noch mehr Signale geben.
Welche Meldungen laufen im Radio? Liebe Kollegen, ihr hört eh mit, dann sagt ihr auch am nächsten Tag, dass ihr durch die lokale Nachrichtensendung oder den offenen Kanal darauf gekommen seid. Und dann gibt es ja auch noch Google News – was da wichtig ist und oben steht, ist auch für euch wichtig. Und dann könnt ihr euch immer noch die ganzen anderen angeblichen Konkurrenten anschauen, wie Spiegel oder Welt online.
Auch die Größe der Platzierung kann man mit anderen Hilfsmitteln erahnen helfen. Wie groß läuft eine Geschichte in der Tagesschau, in den Nachrichten, wie oft wird etwas bei Welt.de kommentiert? Wo bewegt sich das Interesse der Mediennutzer an diesem Tag hin.
Was bleibt dann noch für einen Journalisten zu tun? Seiten bauen? Ein Grafiker baut die Zeitung schneller und besser und billiger zusammen.
Wie wäre es denn mit Schreiben, dieser ureigensten der journalistischen Tätigkeiten? Das Berichten und Erzählen von Geschichten, dafür sollte man Journalisten beschäftigen. Genau deshalb ist es so erhellend, dass Kai Diekmann, Chefredakteur der Bildzeitung, in 2009 mit dem Bloggen angefangen hat. Er ist hervorragend im Gespür für Themen, weiß wie er mit Freund und Feind umzugehen hat, hat ein Händchen für die Gestaltung des Printprodukts, dem er vorsteht. Was ihm dabei abgeht, wie so vielen professionellen Journalisten: das Schreiben. Das, wofür man Journalist geworden ist. Das, womit man für Außenstehende erschreckend wenig Zeit verbringt.
Also: Liebe Kollegen, besinnt euch wieder darauf, was ihr richtig gut und gerne macht. Das Schreiben. Die Verleger lassen euch nicht? Dann lasst die Verleger einen guten Mann sein und macht euer eigenes Ding. Setzt ein eigenes Blog auf. Für 10 Euro Domainregistrierungsgebühr pro Jahr und einen Serveranbieter, der 6 Euro im Monat kostet, geht das. Schreibt auf, was in eurer Nachbarschaft passiert. Was in eurem Hobby gerade passiert und en vogue ist. Findet, was euch bewegt. Sucht die passenden Keywords dazu raus (guter Startpunkt: Googles Keyword-Tool für AdWords-Kunden). Überlegt euch, wie eure Domain heißen könnte. WASMIRWICHTIGIST.de ist ein guter Anfang. Und dann registriert ihr gleich noch eine auf euren Namen, einen Twitter-Account auf den URL-Namen und auf euren und einen Facebook-Account für euch. Die Zukunft hat begonnen, und es hat nicht mal weh getan.
Anmerkungen zu diesem in die Länge geratenen Appell:
Aus Platzgründen habe ich mich für den am meisten dahinsiechenden Teil des Journalismus entschieden, den Journalismus an Tageszeitungen. All das gilt für das gesprochene und gesendete Wort genauso wie für das geschriebene. Der technische Aufwand und die damit verbundene Entfremdung vom Produkt Journalismus ist beim Rundfunk noch viel höher. Vor zehn Jahren etwa hatte man beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk immer noch einen Cutter oder Tontechniker, der den Beitrag produziert hat. Heute macht das zumindest der freie Journalist immer öfter selbst, mit ähnlichen Tools wie das die guten Podcast-Produzenten tun – im Studio in der eigenen Wohnung oder im Büro, um nicht auf die knappen Produktionsressourcen im Funkhaus zugreifen zu müssen.
Diesen Post haben mehrere Dinge angestoßen:
Jeff Jarvis verdanke ich den Gedanken vom Produkt zum Prozess sowie den Gedanken von der Seite zum Stream, außerdem den starken Drang, jungen Journalisten zur Selbstständigkeit zu raten. http://www.buzzmachine.com/2009/06/07/processjournalism/
http://www.buzzmachine.com/2009/11/01/the-future-of-journalism-is-entrepreneurial/
http://www.buzzmachine.com/2009/08/18/newbiznews-hyperpersonal-news-streams/
Kai Diekmanns Blog verdanke ich die Idee, dass es viel zu viele hoch bezahlte und sehr gut ausgebildete Journalisten gibt, denen das Sprachrohr für ihre Stimme fehlt. Er hat es als Blogger gefunden. Schnoddrig, frech – das passt zur Marke, der er vorsteht und zu ihm als öffentlicher Figur.
http://www.kaidiekmann.de/
Auch eine böse Glosse über das Tun und Werken von Journalisten bei Gawker war wegweisend. http://gawker.com/5437810/the-gawker-guide-to-a-journalism-career-2010-edition
P.S. Wenn ich beizeiten klinge wie Jeff Jarvis, bitte ich die Zuhörer und natürlich den Autor von WWGD höchstselbst um Verzeihung. Plagiarism is just the highest form of flattery.