17 neue Thesen, was das Internet bedeutet, unterzeichnet von 15 mehr oder weniger bekannten deutschen Publizisten. Wieder mehr Futter für die Medienelite zum Verdauen. Aber auch ein ernsthafter Versuch, der vermaledeiten Hamburger Erklärung etwas Sinnvolles entgegenzusetzen. Das ist das heute veröffentlichte Internet-Manifest. Der Name ist doof. Es geht um die Zukunft des Journalismus, im Wesentlichen. Aber: Die meisten Thesen sind sinnvoll, und es ist gut, dass sich die Stimmen, die unsere Verleger bezahlen, auch mal zu Wort melden.

Und ich unterschreibe sie auch. Warum ich das tue? These für These. Die aus meiner Sicht wichtigsten möchte ich herausgreifen:

1. Das Internet ist anders.

Es schafft andere Öffentlichkeiten, andere Austauschverhältnisse und andere Kulturtechniken. Die Medien müssen ihre Arbeitsweise der technologischen Realität anpassen, statt sie zu ignorieren oder zu bekämpfen. Sie haben die Pflicht, auf Basis der zur Verfügung stehenden Technik den bestmöglichen Journalismus zu entwickeln – das schließt neue journalistische Produkte und Methoden mit ein.

Warum ist das so eine wichtige These? Weil Journalismus heute in der Sackgasse des Befüllens vorhandener Flächen steckt. Ausgerechnet die kreativen Geister, die sich immer noch zuhauf in den Redaktionen finden, scheuen das Experimentieren mit dem Neuen. Stattdessen ergehen sie sich in Zufriedenheit darin, am Abend wieder ein gutes Blatt oder eine gute Sendung gemacht zu haben. Das ist zu wenig. Auch die Onlinekollegen sind kaum besser. Sie schaffen Monat für Monat neue Klickrekorde, indem sie Tabellen auf Bildergalerien ummünzen.

2. Das Internet ist ein Medienimperium in der Jackentasche.

Das Web ordnet das bestehende Mediensystem neu: Es überwindet dessen bisherige Begrenzungen und Oligopole. Veröffentlichung und Verbreitung medialer Inhalte sind nicht mehr mit hohen Investitionen verbunden. Das Selbstverständnis des Journalismus wird seiner Schlüssellochfunktion beraubt – zum Glück. Es bleibt nur die journalistische Qualität, die Journalismus von bloßer Veröffentlichung unterscheidet.

Hier werden die Autoren Opfer ihrer eigenen Verwurzelung in den alten Systemen. Sie verpassen die Chance, tatsächlich so zu denken wie die Konsumenten der von ihnen produzierten Medien. Denen ist egal, was Journalismus ist. Der Markt für Journalismus ist massiv geschrumpft. Niemand unter 30 hat eine Zeitung abonniert, mit der sie vielleicht ein paar Minuten verbringen. Aber sie sind sicher bereit, ein paar Euro in ein schönes Spiel auf dem Mobiltelefon zu investieren.

5. Das Internet ist der Sieg der Information.


Bisher ordneten, erzwungen durch die unzulängliche Technologie, Institutionen wie Medienhäuser, Forschungsstellen oder öffentliche Einrichtungen die Informationen der Welt. Nun richtet sich jeder Bürger seine individuellen Nachrichtenfilter ein, während Suchmaschinen Informationsmengen in nie gekanntem Umfang erschließen. Der einzelne Mensch kann sich so gut informieren wie nie zuvor.

Abundance has replaced scarcity. (Um mal Chris Anderson zu paraphrasieren.) Was vorher knapp war (Papier, um Zeitungen zu drucken; Frequenzen, um Rundfunk auszustrahlen), ist heute reichlich vorhanden. Wir haben alle DSL und Flatrates, können jedes Buch bestellen, das wir wollen. Wir müssen uns nicht mehr mit dem engen lokalen Angebot zufrieden geben.

7. Das Netz verlangt Vernetzung.

Links sind Verbindungen. Wir kennen uns durch Links. Wer sie nicht nutzt, schließt sich aus dem gesellschaftlichen Diskurs aus. Das gilt auch für die Online-Auftritte klassischer Medienhäuser.

Einfach nur Amen.

8. Links lohnen, Zitate zieren.

Suchmaschinen und Aggregatoren fördern den Qualitätsjournalismus: Sie erhöhen langfristig die Auffindbarkeit von herausragenden Inhalten und sind so integraler Teil der neuen, vernetzten Öffentlichkeit. Referenzen durch Verlinkungen und Zitate – auch und gerade ohne Absprache oder gar Entlohnung des Urhebers – ermöglichen überhaupt erst die Kultur des vernetzten Gesellschaftsdiskurses und sind unbedingt schützenswert.

Noch mal Amen. Do what you do best, link to the rest. Das ist die Aufforderung von Jeff Jarvis.

Schon nach anderthalb Minuten verrät er, dass er nicht der größte Google-Fan ist.

15. Was im Netz ist, bleibt im Netz.

Das Internet hebt den Journalismus auf eine qualitativ neue Ebene. Online müssen Texte, Töne und Bilder nicht mehr flüchtig sein. Sie bleiben abrufbar und werden so zu einem Archiv der Zeitgeschichte. Journalismus muss die Entwicklungen der Information, ihrer Interpretation und den Irrtum mitberücksichtigen, also Fehler zugeben und transparent korrigieren.

Journalismus muss bereit sein, sich zu korrigieren. Das Produkt ist nicht die Arbeit, sondern der Prozess.